Wearables bei Long COVID, ME/CFS und POTS: Was die Daten wirklich zeigen

Wearables for Long COVID, ME/CFS and POTS: What the Data Really Shows

Ruhepuls, Schritte, HRV: Was Consumer-Wearables bei Long COVID, ME/CFS und POTS leisten können – und wo ihre Grenzen liegen.

Illustration: mehrere Wearables — Ring, Smartwatch und Brustgurt — ordentlich auf einem Leinentuch

Viele Menschen mit Long COVID, ME/CFS oder POTS tragen mittlerweile eine Smartwatch oder einen Fitness-Tracker – nicht aus Trend, sondern weil sich Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Aktivität objektiv erfassen lassen. Das kann helfen, die eigene Belastungsgrenze besser zu verstehen und Post-Exertional Malaise (PEM) frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig zeigen unabhängige Validierungsstudien, dass Consumer-Geräte klare technische Grenzen haben. Wer diese Grenzen kennt, kann Wearable-Daten sinnvoll einordnen, statt ihnen blind zu vertrauen.

Was Ruhepuls und Herzfrequenz zeigen können

Die Workwell Foundation, die seit Jahren zu Belastungsintoleranz bei ME/CFS forscht, empfiehlt Herzfrequenzmessung als praktisches Hilfsmittel für Pacing: Die Idee ist, die eigene anaerobe Schwelle möglichst nicht zu überschreiten, um PEM zu vermeiden. Wearables machen diese fortlaufende Beobachtung im Alltag praktikabel, während früher nur punktuelle Messungen möglich waren.

Eine aktuelle Untersuchung zu Wearable-basierter Herzfrequenzvariabilität bei Long COVID (medRxiv, 2025) fand Hinweise auf autonome Dysfunktion und beschreibt mögliche Schwellenwerte, die mit dem Auftreten von PEM in Zusammenhang stehen könnten. Solche Arbeiten sind vielversprechend, befinden sich aber noch in einem frühen, nicht abgeschlossenen Forschungsstadium – die dort diskutierten Schwellenwerte lassen sich nicht unbesehen als individuelle Grenzwerte übernehmen.

Auch eine kleinere Fallserie zu Wearable-Nutzung bei Long COVID (PMC, 2024) deutet darauf hin, dass regelmäßiges Feedback zu Herzfrequenz und Aktivität manchen Betroffenen half, Symptomschwere im Alltag zu reduzieren – allerdings mit begrenzter Teilnehmerzahl und ohne Kontrollgruppe, was die Übertragbarkeit einschränkt.

Wo Consumer-Wearables an ihre Grenzen stoßen

Optische Pulsmessung per Lichtsensor (Photoplethysmografie) ist die in Smartwatches gängigste Methode – und genau hier liegt eine der größten Fehlerquellen. Eine 2025 veröffentlichte Validierungsstudie zu nächtlichem Ruhepuls und HRV in mehreren gängigen Consumer-Geräten (Physiological Reports) fand teils deutliche Abweichungen gegenüber medizinischen Referenzmessungen, insbesondere bei der HRV – einem Wert, der wegen seiner Feinauflösung besonders störanfällig ist. Eine weitere Untersuchung zur Genauigkeit von vier Herzfrequenz-Wearables (PMC, 2024) kam zu einem ähnlichen Bild: Die Abweichungen variierten je nach Gerät, Aktivität und Hauttyp spürbar.

Für Menschen mit POTS ist das besonders relevant, da die Herzfrequenz durch Lagewechsel schnell und stark schwankt. Bewegungsartefakte, lockerer Sitz am Handgelenk, kalte Hände oder dunklere Hautpigmentierung können die optische Messung zusätzlich verfälschen. Schrittzähler wiederum überzählen typischerweise bei ruckartigen Armbewegungen und unterzählen bei sehr langsamem Gehen oder Rollstuhlnutzung – gerade bei stark schwankender Belastbarkeit ist das eine wichtige Einschränkung.

Wichtig ist außerdem: Consumer-Wearables sind in aller Regel keine Medizinprodukte und wurden nicht dafür entwickelt oder zugelassen, einzelne Personen im Krankheitsverlauf zuverlässig zu überwachen. Ihre Algorithmen sind meist proprietär, werden ohne Ankündigung verändert und häufig an gesunden, jüngeren Populationen kalibriert – nicht an Menschen mit autonomer Dysfunktion.

Fehlinterpretationen vermeiden

Ein einzelner Messwert – etwa ein hoher Ruhepuls an einem Morgen – sagt für sich genommen wenig aus. Aussagekräftiger sind individuelle Trends über mehrere Tage oder Wochen, verglichen mit der eigenen üblichen Bandbreite. Wer eine für sich passende Faustregel wie "Herzfrequenz möglichst nicht über X halten" nutzt, sollte diese als groben Anhaltspunkt verstehen, nicht als exakte physiologische Grenze – zumal die Messgenauigkeit je nach Aktivität schwankt.

Fazit

Wearables können bei Long COVID, ME/CFS und POTS ein nützliches Werkzeug sein, um Muster im eigenen Belastungsverhalten sichtbar zu machen und Pacing-Entscheidungen zu unterstützen. Die verfügbare Forschung zeigt aber auch deutlich: Die Messgenauigkeit variiert je nach Gerät, Situation und Körpermerkmalen, und viele vielversprechende Ansätze zu Schwellenwerten stehen noch am Anfang der wissenschaftlichen Absicherung. Am hilfreichsten sind Wearable-Daten dann, wenn sie als ein Baustein unter mehreren betrachtet werden – neben Symptomtagebuch, Aktivitätsprotokoll und dem eigenen Erfahrungswissen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Einschätzung. mypacing.app ist kein Medizinprodukt.

Quellen

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