Pacing bei Long COVID & ME/CFS: Wie herzfrequenzbasiertes Pacing helfen kann, Crashs zu vermeiden

Pacing with Long COVID & ME/CFS: How Heart-Rate-Based Pacing Can Help Avoid Crashes

Warum „hör auf deinen Körper“ bei PEM oft zu spät kommt — und wie die Herzfrequenz als messbarer Anhaltspunkt helfen kann, unter der eigenen Schwelle zu bleiben.

Illustration: ein ruhiger Innenraum im Morgenlicht, im Vordergrund eine Uhr am Handgelenk

Ein praktischer Guide — keine medizinische Beratung, sondern gesammeltes Wissen aus Recherche und eigener Erfahrung.

Das Problem mit „einfach mehr ausruhen“

Wer mit Long COVID, ME/CFS oder ähnlichen post-viralen Erschöpfungssyndromen lebt, kennt den Rat „hör auf deinen Körper“ — und weiß gleichzeitig, wie unzuverlässig das eigene Körpergefühl dabei sein kann. Die Erschöpfung nach Belastung (Post-Exertional Malaise, PEM) tritt oft verzögert auf, meist 12 bis 48 Stunden nach der eigentlichen Anstrengung. Genau das macht „auf sich hören“ so schwierig: Man merkt den Fehler erst, wenn er schon gemacht ist.

Das Ergebnis ist häufig der sogenannte Boom-Bust-Zyklus: An einem guten Tag wird nachgeholt, was liegen geblieben ist — und zwei Tage später folgt der Einbruch. Wieder von vorn.

Ein objektiverer Ansatz: Pacing über die Herzfrequenz

Statt sich ausschließlich auf das subjektive Gefühl zu verlassen, nutzt ein von der Workwell Foundation entwickelter Ansatz die Herzfrequenz als messbaren, objektiven Indikator für Belastung.

Die Grundidee: Es gibt eine individuelle anaerobe Schwelle (AT, Anaerobic Threshold) — den Punkt, an dem der Körper von aerober auf anaerobe Energiegewinnung umschaltet. Bei gesunden, austrainierten Menschen liegt diese Schwelle relativ hoch. Bei Menschen mit ME/CFS oder Long COVID ist sie oft deutlich niedriger als erwartet — teils schon bei 90 bis 110 Schlägen pro Minute, weit unter dem, was Standardformeln wie „220 minus Lebensalter“ nahelegen.

Der Kerngedanke: Bleibt man unterhalb dieser Schwelle, ist die Wahrscheinlichkeit eines PEM-Crashs deutlich geringer. Überschreitet man sie wiederholt — auch nur kurz, auch nur durch scheinbar banale Dinge wie Treppensteigen, einen anstrengenden Telefonanruf oder zu langes Stehen — summiert sich das unsichtbar auf und kann Tage später zum Einbruch führen.

Die eigene Schwelle finden

Ein gängiger Ansatz ist ein einfacher Belastungstest — bei der Workwell Foundation etwa ein 6-Minuten-Steptest; für schwerer Betroffene existiert auch eine sitzende Variante. Dabei wird die Herzfrequenz während einer standardisierten, leichten Belastung erfasst und der Punkt bestimmt, an dem sie überproportional ansteigt beziehungsweise sich der Anstieg deutlich verändert.

Wichtig: Das ist kein Belastungstest, der ausgereizt werden soll. Gerade bei ME/CFS und Long COVID kann ein zu intensiver Test selbst PEM auslösen. Wer sich unsicher ist, sollte das idealerweise mit ärztlicher oder physiotherapeutischer Begleitung angehen, die mit post-viralen Erschöpfungssyndromen vertraut ist.

Die eigentliche Herausforderung: den Alltag im Blick behalten

Die Schwelle zu kennen ist der leichte Teil. Schwieriger ist es, die vielen kleinen Momente im Alltag zu erkennen, in denen man sie überschreitet — oft ohne es zu merken:

Ein Herzfrequenzmesser mit Echtzeit-Warnung macht diese unsichtbaren Überschreitungen sichtbar; ein Brustgurt ist in Ruhe meist genauer als ein Sensor am Handgelenk. Wer zusätzlich notiert, was er gerade getan hat, als die Schwelle überschritten wurde, bekommt mit der Zeit eine sehr persönliche Landkarte davon, was wirklich Energie kostet — und die sieht oft überraschend anders aus, als man intuitiv annehmen würde.

Praktische Grundregeln

  1. Schwelle kennen — über einen Test oder durch schrittweise Annäherung im Beobachten.
  2. Konsequent unter der Schwelle bleiben — auch bei alltäglichen, unspektakulären Tätigkeiten.
  3. Gute Tage nicht als Erlaubnis zum Nachholen verstehen — das ist der klassische Einstieg in den Boom-Bust-Zyklus.
  4. Pausen aktiv einplanen, nicht erst dann, wenn der Körper sie erzwingt.
  5. Kognitive Belastung mitdenken — sie erschöpft genauso wie körperliche Aktivität.
  6. Muster über Zeit beobachten, nicht nur Einzeltage — manche Zusammenhänge wie Wetter, Zyklus oder Schlafqualität zeigen sich erst über Wochen.

Grenzen dieses Ansatzes

Pacing heilt PEM nicht und ist kein Ersatz für medizinische Behandlung. Es ist ein Management-Werkzeug, das helfen kann, Häufigkeit und Schwere von Crashs zu verringern und mehr Stabilität im Alltag zu gewinnen. Manche Menschen sprechen gut darauf an, andere brauchen zusätzliche oder andere Strategien — wie bei den meisten Aspekten von ME/CFS und Long COVID ist die Bandbreite individueller Verläufe groß.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet frei zugängliche Materialien der Workwell Foundation zu Pacing und PEM sowie Ressourcen von Patientenorganisationen wie #MEAction und aus Long-COVID-Selbsthilfegruppen.

Diesen Ansatz dauerhaft im Kopf zu behalten — Herzfrequenz im Blick, Aktivitäten dokumentieren, Muster erkennen — ist auf Dauer aufwendig. Genau deshalb haben wir mypacing gebaut: eine App für iOS und Android, die die Herzfrequenz-Schwelle im Blick behält und warnt, wenn sie überschritten wird. Der Ansatz selbst funktioniert aber unabhängig vom Werkzeug — mit jedem Herzfrequenzmesser und etwas Disziplin beim Dokumentieren.

Quellen

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