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Reisen mit ME/CFS oder Long COVID: Realistische Vorbereitung und Energie-Budget unterwegs

Reisen mit ME/CFS, Long COVID oder POTS: realistische Vorbereitung, Energie-Budgetierung unterwegs – und wann Verzicht die bessere Wahl ist.

Ein Wochenende bei der Familie, eine lang ersehnte Reise ans Meer, eine Hochzeit im Nachbarland: Für Menschen mit ME/CFS, Long COVID oder POTS ist Reisen selten eine spontane Entscheidung. Es ist ein Projekt mit vielen Unbekannten – und manchmal ist die klügste Entscheidung, es genau deshalb nicht zu tun. Dieser Artikel schaut auf drei Fragen, die vor jeder Reise wichtig sind: Wie bereitet man sich realistisch vor, wie budgetiert man Energie unterwegs, und woran erkennt man, dass Verzicht die bessere Wahl ist.

Warum Reisen so viel mehr kostet, als es aussieht

Reisen wird oft nur als körperliche Anstrengung wahrgenommen – Koffer tragen, laufen, stehen. Tatsächlich summiert sich beim Reisen physische, kognitive und emotionale Belastung gleichzeitig: Wegfindung an fremden Orten, Entscheidungen unter Zeitdruck, Reizüberflutung durch Menschenmengen, Lärm und Licht, dazu die Aufregung selbst. Genau diese Kombination aus mehreren Belastungsarten macht Reisetage so riskant für eine Post-Exertional Malaise (PEM). Das Bateman Horne Center rät deshalb, sich vor einer Reise über mehrere Tage hinweg gezielt zu erholen und gut zu hydrieren, da Reisen die Energiereserven schneller aufbraucht, als man erwarten würde.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich ein Crash nach Reisebelastung oft nicht sofort zeigt, sondern zeitversetzt einsetzt – ein Muster, das im Artikel PEM erkennen: Warum der Einbruch oft erst Tage später kommt ausführlicher beschrieben wird. Wer eine Reise plant, sollte diesen verzögerten Effekt von Anfang an einkalkulieren, statt sich von einem scheinbar guten ersten Reisetag täuschen zu lassen.

Realistische Vorbereitung: Wochen vor der Reise beginnen

Gute Reisevorbereitung beginnt nicht am Packtag, sondern deutlich früher. Recherche zu Routen, Unterkünften, Barrierefreiheit und Restaurants lässt sich in kleinen Portionen über Wochen verteilen, statt alles in den letzten Tagen vor der Abreise zu erledigen – so bleibt mehr Energie für die Reise selbst übrig. Eine ausführliche Praxissammlung zu Long Covid und ME/CFS empfiehlt, Routen im Voraus so zu planen, dass Zeit und Energie gespart werden, und Restaurants sowie Einkaufsmöglichkeiten vorab zu recherchieren, um spontane Entscheidungen unterwegs zu vermeiden.

Wer noch neu mit Pacing ist, profitiert davon, die Grundlagen des Energie-Managements zuerst im vertrauten Alltag zu üben, bevor eine Reise ansteht. Die Herangehensweise – innerhalb des eigenen Energie-Rahmens zu bleiben, statt in einem Wechsel aus Überforderung und Erschöpfung zu leben – wird im Beitrag Pacing-Grundlagen: Was Pacing ist und warum es bei PEM hilft erklärt und ist die Basis, auf der jede Reiseplanung aufbaut.

Konkret bedeutet das für die Vorbereitung:

  • Direkte Verbindungen statt vieler Umstiege wählen, auch wenn sie teurer oder länger sind.
  • Bewusst Pufferzeiten einplanen – zwischen Ankunft und erster Aktivität, aber auch zwischen einzelnen Programmpunkten.
  • Vor und nach der Reise feste Erholungstage reservieren, an denen nichts anderes geplant ist.
  • Ein „Minimal-Version“-Szenario der Reise durchdenken: Was wäre die kürzeste, ruhigste Variante, falls es an einem Tag schlecht geht?

Energie-Budgetierung unterwegs

Am Reisetag selbst hilft es, den Tag bewusst als Hochbelastungstag zu behandeln und alles andere darum herum zu reduzieren. Praktisch heißt das: feste Ruhepausen in den Tagesplan einbauen, Eile vermeiden und für Mahlzeiten sowie Flüssigkeitszufuhr feste, vorhersehbare Zeiten einhalten, statt sich vom Reisegeschehen treiben zu lassen.

Für Menschen mit POTS oder orthostatischer Intoleranz kommen weitere Faktoren hinzu: langes Stehen in Warteschlangen, Hitze am Zielort oder veränderte Trink- und Essgewohnheiten können Symptome zusätzlich verstärken. Wie stark Hitze, unregelmäßige Mahlzeiten oder andere Alltagstrigger die Beschwerden beeinflussen können, beschreibt der Artikel POTS: Hitze, Mahlzeiten und Zyklus im Alltag – Aspekte, die auf Reisen besonders relevant werden, weil sich gewohnte Routinen verschieben.

Praktische Hilfsmittel können die Energiebilanz unterwegs spürbar entlasten: Kompressionskleidung und Elektrolyte können helfen, Kreislaufprobleme zu managen und Schwindel vorzubeugen, insbesondere bei POTS oder orthostatischer Intoleranz. Auch Rollstühle, Mobilitätsroller oder Gehhilfen können Energie sparen und Überlastung verhindern, wobei sich zusammenklappbare Varianten für den Transport besonders eignen. Lärmreduzierende Kopfhörer, Sonnenbrillen und Ohrstöpsel können außerdem helfen, Symptome in lauten oder hell beleuchteten Umgebungen wie Flughäfen oder belebten Straßen besser zu bewältigen.

Wer Wearables zur Selbstbeobachtung nutzt, sollte bedenken, dass Reisetage die üblichen Referenzwerte für Ruhepuls oder Herzfrequenzvariabilität verschieben können – Aufregung, Zeitverschiebung und veränderter Schlaf wirken sich auf die Daten aus. Ein realistischer Umgang mit diesen Schwankungen wird im Beitrag Herzfrequenzvariabilität (HRV) als Frühwarnsignal für Crashs beschrieben und hilft, Messwerte unterwegs richtig einzuordnen, statt sie überzubewerten.

Wann Verzicht die bessere Wahl ist

So sehr Reisen persönlich wichtig sein kann – es gibt Situationen, in denen ein Verzicht ehrlicher ist als der Versuch, es „irgendwie“ zu schaffen. Fachleute weisen darauf hin, dass manche Menschen mit ME/CFS überhaupt nicht reisen können, während andere Reisen ausschließlich für notwendige medizinische Termine unternehmen – die Bandbreite ist groß, und es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“, sondern nur die eigene, aktuelle Belastungsgrenze.

Ein hilfreicher Prüfpunkt vor jeder Reiseentscheidung: Lassen sich vor und nach der Reise echte Erholungstage einplanen? Ist die Route mit vielen Umstiegen kompliziert? Ist die aktuelle Grundbelastung ohnehin schon instabil? Wenn mehrere dieser Punkte zutreffen, steigt das Risiko für einen lang anhaltenden Crash erheblich – und ein kürzerer, ruhigerer Trip oder ein kompletter Verzicht kann die verantwortungsvollere Entscheidung sein. Das ist kein Scheitern, sondern angewandtes Pacing: Genau wie beim Training gilt auch beim Reisen, dass sich Grenzen nicht durch Willenskraft verschieben lassen, ein Zusammenhang, der im Artikel Pacing ist kein Trainingsprogramm ausführlicher erklärt wird.

Wer unsicher ist, ob und wie eine bestimmte Reise machbar ist, sollte diese Frage nicht allein entscheiden, sondern mit einer behandelnden ärztlichen Fachperson besprechen – insbesondere wenn Herz-Kreislauf-Symptome, starke orthostatische Beschwerden oder eine instabile Grunderkrankung vorliegen. Reisen mit ME/CFS, Long COVID oder POTS ist für viele möglich, aber es sieht selten so aus wie das Reisen von früher. Wer das akzeptiert und die Reise entsprechend plant – oder eben bewusst darauf verzichtet – trifft am Ende die Entscheidung, die dem eigenen Körper am ehesten gerecht wird.

Quellen

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