Pacing ist kein Trainingsprogramm: Warum die Verwechslung mit "Graded Exercise Therapy" gefährlich werden kann
Pacing wird oft mit sanftem Steigerungstraining verwechselt. Warum das ein gefährlicher Irrtum ist und was Pacing bei ME/CFS wirklich bedeutet.
Wer neu mit Pacing beginnt, hört oft einen gut gemeinten, aber gefährlichen Rat: "Steigere deine Aktivität einfach langsam und regelmäßig, dann gewöhnt sich dein Körper daran." Das klingt vernünftig – ist bei ME/CFS, Long-COVID-Fatigue und verwandten Erkrankungen mit Post-Exertional Malaise (PEM) aber genau das Gegenteil von Pacing. Dieser Artikel schaut sich einen einzigen, aber zentralen Aspekt an: die Verwechslung von Pacing mit sogenannter Graded Exercise Therapy (GET) – und warum diese Verwechslung so viele Anfänger:innen in einen Crash treibt.
Zwei Konzepte, die oft in einen Topf geworfen werden
Graded Exercise Therapy wurde über Jahre als Standardtherapie bei ME/CFS empfohlen. Das Prinzip: Man legt eine Ausgangsbelastung fest und steigert Bewegung oder Aktivität danach in festen, meist zeitlich getakteten Schritten – unabhängig davon, wie sich die Symptome entwickeln. Graded exercise therapy wird in dieser Leitlinie definiert als das Festlegen einer erreichbaren Ausgangsbelastung bei Bewegung oder körperlicher Aktivität und anschließende feste, schrittweise Steigerungen der Zeit, die mit körperlicher Aktivität verbracht wird. Genau dieses starre "mehr, egal wie du dich fühlst" unterscheidet GET fundamental von Pacing, bei dem sich das Aktivitätsniveau an den tatsächlichen Symptomen orientiert.
Diese Unterscheidung ist keine akademische Feinheit. Sie hat zu einer der bemerkenswertesten Kehrtwenden in der Behandlungsgeschichte einer chronischen Erkrankung geführt: Im Jahr 2007 veröffentlichte NICE die erste Leitlinie für CFS/ME, die zwei Formen der Rehabilitation empfahl: Graded Exercise Therapy (GET) und Cognitive Behavioural Therapy (CBT). 2021 überprüfte NICE die wissenschaftliche Evidenz erneut und kam zu dem Schluss, dass die Evidenzstärke für den Nutzen von CBT und GET niedrig oder sehr niedrig war, und stellte zudem fest, dass GET unsicher war. Die neue Leitlinie empfiehlt statt CBT und GET Energiemanagement (Pacing), das Hinweise dazu gibt, wie man mit der Erkrankung lebt und die vorhandene Energie bestmöglich nutzt, ohne die Symptome zu verschlimmern.
Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC warnt inzwischen ausdrücklich davor, ME/CFS wie eine gewöhnliche Dekonditionierung zu behandeln: Zwar kann kräftiges aerobes Training bei vielen chronischen Erkrankungen von Nutzen sein, doch Menschen mit ME/CFS vertragen solche Trainingsroutinen nicht. Standard-Bewegungsempfehlungen für gesunde Menschen können für Patient:innen mit ME/CFS schädlich sein.
Warum die Verwechslung so viele Menschen in einen Crash treibt
Der zentrale medizinische Grund liegt in PEM: Anders als bei Dekonditionierung reagiert der Körper bei ME/CFS und ähnlichen Erkrankungen auf Belastung mit einer verzögerten, oft tagelangen Verschlechterung. Ein festes Steigerungsschema wie bei GET ignoriert dieses Signal systematisch, weil es weiter erhöht wird, egal was der Körper zurückmeldet.
Wie real dieses Risiko ist, zeigen Patient:innenbefragungen aus mehreren Ländern. Eine große australische Erhebung kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Emerge Australias Gesundheits- und Wohlfahrtsbefragung von 2018 ergab, dass 89 % der 610 Befragten angaben, dass eine Steigerung ihres Bewegungs- bzw. Aktivitätsniveaus zu einer Verschlechterung ihrer Symptome führte. Solche Ergebnisse werden immer wieder unabhängig bestätigt und sind ein wichtiger Grund, warum Fachgesellschaften heute deutlich vorsichtiger formulieren. Die britische ME-Association fasst die aktuelle Lage so zusammen: Health professionals sollten Graded Exercise Therapy Menschen mit ME/CFS nicht verordnen, weil keine verlässliche Evidenz für die Wirksamkeit vorliegt und zugleich umfangreiche Patient:innenerfahrungen zeigen, dass GET ernsthaften Schaden verursachen kann.
Drei typische Anfängerfehler, die aus dieser Verwechslung entstehen
Wer Pacing neu lernt, übernimmt oft unbewusst Denkmuster aus dem Trainingskontext. Drei Muster begegnen uns besonders häufig:
- Der feste Steigerungsplan: "Diese Woche 10 Minuten Spaziergang, nächste Woche 15" – unabhängig davon, wie der Körper reagiert. Das ist im Kern GET-Logik, nicht Pacing. Pacing orientiert sich an Symptomen, nicht an einem Kalenderplan.
- Gute Tage als Freifahrtschein: An einem besseren Tag wird nachgeholt, was an schlechten Tagen liegen blieb – oft deutlich über das übliche Maß hinaus. Das kann genau den verzögerten Einbruch auslösen, den man vermeiden möchte.
- Pacing als "Motivationsfrage": Der Gedanke, man müsse sich nur überwinden und ein bisschen mehr tun, um "wieder reinzukommen". Bei PEM ist das kein Motivationsproblem, sondern ein physiologisches Signal, das ernst genommen werden sollte.
Was Pacing stattdessen bedeutet
Pacing ist im Kern kein Steigerungsprogramm, sondern eine Anpassung der Aktivität an das, was der Körper an einem bestimmten Tag tatsächlich verkraftet – manchmal mehr, oft weniger, mit dem Ziel, PEM-Episoden möglichst zu vermeiden. Effektives Pacing ermutigt Betroffene, so aktiv wie möglich innerhalb der Grenzen ihrer Symptome zu sein – innerhalb ihrer sogenannten Energiehülle. Diese Energiehülle ist kein festes Kontingent, das man Woche für Woche ausweiten soll, sondern ein flexibler Rahmen, der sich am aktuellen Zustand orientiert.
Wichtig ist: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob, wie und in welchem Umfang körperliche Aktivität für dich individuell sinnvoll ist, sollte gemeinsam mit einer auf ME/CFS, Long COVID oder POTS spezialisierten Fachperson besprochen werden – insbesondere, wenn du unsicher bist, ob eine Verschlechterung mit PEM zusammenhängt. mypacing kann dir helfen, deine eigenen Muster zwischen Aktivität und Erholung sichtbarer zu machen, ist dabei aber kein Medizinprodukt und stellt keine Diagnosen oder Therapieempfehlungen.
Quellen
- Recommendations | Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management | NICE
- Researchers produce systematic critique of 2021 NICE guideline on CFS and ME
- Manage ME/CFS | ME/CFS | CDC
- Graded exercise and CBT for ME/CFS
- Evidence does not support Graded Exercise Therapy for ME/CFS management, Medscape reports
- A Personalised Pacing and Active Rest Rehabilitation Programme for Post-Exertional Symptom Exacerbation and Health Status in Long COVID (PACELOC): A Prospective Cohort Study