Lichtempfindlichkeit nach Long COVID: Was die Pupille über das Nervensystem verrät

Light Sensitivity After Long COVID: What the Pupil Reveals About the Nervous System

Eine neue Studie zeigt: Bei anhaltenden Augenbeschwerden nach COVID-19 reagiert die Pupille messbar anders — und das hängt mit Lichtempfindlichkeit und Kopfschmerzen zusammen.

Illustration: eine Sonnenbrille auf einem sonnigen Fensterbrett vor einem durchscheinenden Vorhang, gedämpftes warmes Licht

Viele Menschen mit Long COVID, ME/CFS oder POTS kennen es: Helles Licht wird plötzlich unangenehm, manchmal sogar schmerzhaft. Bildschirme, Sonnenlicht, Neonlicht im Supermarkt – was früher kein Thema war, kann heute einen Kopfschmerz oder ein Unwohlsein auslösen, das den ganzen Tag prägt. Lange galt diese Lichtempfindlichkeit (Photophobie) als schwer greifbares, rein subjektives Symptom. Eine im Juli 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie liefert nun einen der bislang genauesten Blicke darauf, was dahinterstecken könnte – und zwar buchstäblich: in der Pupille.

Was die Studie gemessen hat

Ein Team um Fabian Lagali (Universitätsklinikum Sørlandet, Arendal, Norwegen) untersuchte 100 Menschen mit anhaltenden Augenbeschwerden nach einer COVID-19-Infektion und verglich sie mit 32 gesunden Kontrollpersonen. 73 % der Betroffenen waren Frauen. Statt nur nach Symptomen zu fragen, setzte das Team mehrere objektive Messverfahren ein: eine dynamische Pupillometrie mit einem Spezialgerät (NeurOptics PLR-3000), das misst, wie schnell und wie weit sich die Pupille bei Lichteinfall verengt und wieder weitet; eine hochauflösende Mikroskopie der Hornhaut, um Nervenfasern und Immunzellen sichtbar zu machen; sowie eine Analyse von Hunderten Eiweißstoffen im Tränenfilm.

Die Pupille als Fenster ins autonome Nervensystem

Das Ergebnis: Bei den Betroffenen reagierte die Pupille auf Licht spürbar anders als bei den Kontrollpersonen. Sie war sowohl im geweiteten als auch im verengten Zustand größer, brauchte länger, um sich zusammenzuziehen, und weitete sich nach der Reizung ungewöhnlich schnell wieder. Dieses Muster passt zu einer Dysautonomie – einer Fehlregulation des autonomen Nervensystems, das unter anderem die Pupillenreaktion steuert. Und genau diese pupillären Auffälligkeiten hingen in der Studie mit selbst berichteter Lichtempfindlichkeit und Kopfschmerzen zusammen. Die Pupille macht damit sichtbar, was viele Betroffene längst spüren, aber schwer objektivieren konnten.

Eine zweite, unabhängige Studie aus Erlangen (Deutschland) mit 526 Teilnehmenden untermauert dieses Bild: Bei Menschen mit Post-COVID-Syndrom war die pupilläre Reaktion während einer visuellen Aufgabe konsistent schwächer als bei Gesunden – ein weiteres Indiz für eine gestörte autonome Steuerung der Pupille, unabhängig von der jeweiligen Aufgabenschwierigkeit.

Entzündung und Nervenschäden direkt am Auge

Die norwegische Studie ging noch weiter und fand in der Hornhaut selbst deutliche Spuren: 178 Eiweißstoffe im Tränenfilm waren im Vergleich zu den Kontrollpersonen verändert, darunter mehrere, die auf anhaltende Entzündungsprozesse hindeuten. Unter dem Mikroskop zeigten sich zudem mehr Immunzellen im Hornhautgewebe – ein Hinweis auf eine chronische, zellvermittelte Entzündung – sowie eine geringere Dichte der feinen Hornhautnerven. Zusammengenommen deutet das auf eine periphere Neuropathie hin, also eine Schädigung kleiner Nervenfasern, wie sie auch aus anderen Long-COVID-Zusammenhängen bekannt ist.

Wie verbreitet ist das?

In der untersuchten Gruppe berichteten 42,7 % der Teilnehmenden von Lichtempfindlichkeit. Die Beschwerden waren zudem keineswegs vorübergehend: Sie bestanden zwischen drei Monaten und drei Jahren nach der Infektion, bei 78,2 % länger als ein Jahr. Ein Drittel der Betroffenen war zum Zeitpunkt der Untersuchung krankgeschrieben. Aus den erhobenen klinischen und biologischen Merkmalen ließ sich zudem ein Modell entwickeln, das Betroffene von Kontrollpersonen mit einer Genauigkeit von 77 bis 91 % unterscheiden konnte – ein erster Schritt in Richtung objektiver Diagnostik.

Was das für den Alltag mit Pacing bedeutet

Für den Pacing-Alltag ist vor allem eines wichtig: Lichtempfindlichkeit ist keine Einbildung und keine reine Nebensächlichkeit, sondern kann Ausdruck einer messbaren autonomen und neuroimmunologischen Veränderung sein – vergleichbar mit dem, was Herzfrequenz und HRV über die Belastungsgrenze verraten (siehe unseren Artikel zum herzfrequenzbasierten Pacing). Wer merkt, dass grelles Licht, Bildschirmzeit oder Neonbeleuchtung Kopfschmerzen oder Erschöpfung auslösen oder verstärken, kann das als reales Belastungssignal ernst nehmen – etwa durch eine Sonnenbrille auch drinnen, gedimmte Bildschirme, Blaulichtfilter oder bewusste Lichtpausen. Wer solche Auslöser über längere Zeit dokumentiert, etwa im eigenen Symptomtagebuch, erkennt oft schneller, welche Lichtsituationen zu meiden sind und wo sich das Nervensystem tatsächlich erholen kann.

Was die Forschung noch nicht zeigt

Beide Studien sind Querschnittsuntersuchungen: Sie zeigen einen Zusammenhang zwischen Pupillenreaktion, Entzündungsmarkern und Lichtempfindlichkeit, aber noch keinen eindeutigen ursächlichen Mechanismus und keinen zeitlichen Verlauf. Auch handelt es sich um vergleichsweise kleine Stichproben. Ob und wie sich die gemessenen Veränderungen zurückbilden, ob sie sich durch vorhandene Therapien beeinflussen lassen und wie sie sich zu anderen dysautonomen Symptomen wie POTS verhalten, ist Gegenstand künftiger Forschung.

Fazit

Lichtempfindlichkeit nach Long COVID ist mehr als eine lästige Begleiterscheinung: Sie lässt sich inzwischen bis in die Pupille und die Hornhaut zurückverfolgen und hängt mit einer messbaren Störung des autonomen Nervensystems sowie mit anhaltender Entzündung zusammen. Das macht sie zu einem ernstzunehmenden Belastungssignal – genau wie ein zu hoher Puls oder eine niedrige HRV. Wer solche Signale kennt und ernst nimmt, kann sein Pacing entsprechend anpassen und größere Crashs womöglich frühzeitig abwenden.

Quellen

Mehr dazu
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