Schlaf und das autonome Nervensystem bei Long COVID und ME/CFS: Warum Erholung oft ausbleibt

Sleep and the Autonomic Nervous System in Long COVID and ME/CFS: Why Rest Often Doesn't Come

Warum Schlaf bei Long COVID und ME/CFS oft nicht erholsam ist und welche Alltagsgewohnheiten die autonome Regulation unterstützen können – evidenzbasiert erklärt.

Illustration: ein ruhiges Schlafzimmer bei Nacht mit sanftem Mondlicht und einem leuchtenden Faden

Viele Menschen mit Long COVID oder ME/CFS berichten dasselbe Paradox: Sie schlafen ausreichend lange und wachen trotzdem erschöpft auf. Dieses Phänomen wird in der Forschung als nicht-erholsamer Schlaf bezeichnet und gilt als eines der Kernmerkmale beider Krankheitsbilder. Es reicht offenbar nicht aus, wie lange jemand schläft – entscheidend ist auch, wie der Schlaf strukturiert ist und wie das autonome Nervensystem währenddessen arbeitet.

Das autonome Nervensystem steuert unbewusst Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung, Verdauung und Körpertemperatur. Bei Long COVID, ME/CFS und dem posturalen Tachykardiesyndrom (POTS) zeigen Studien wiederholt Hinweise auf eine autonome Dysregulation: ein Ungleichgewicht zwischen dem aktivierenden (sympathischen) und dem beruhigenden (parasympathischen) Zweig dieses Systems. Eine 2025 im Fachjournal PLOS ONE veröffentlichte Untersuchung beschreibt bei Long COVID und ME/CFS ein vergleichbares autonomes Profil mit erhöhter sympathischer Grundaktivität – also einem Nervensystem, das im Ruhezustand schwerer „herunterschaltet“. Genau dieses Herunterschalten wäre jedoch Voraussetzung für tiefen, erholsamen Schlaf.

Was in der Nacht tatsächlich passiert

Schlafstudien bei ME/CFS und Long COVID zeigen wiederkehrende Auffälligkeiten: häufigere kurze Aufweckreaktionen (Arousals), ein verändertes Verhältnis von Tiefschlaf- zu Leichtschlafphasen sowie sogenannte Alpha-Delta-Schlafmuster, bei denen wache Hirnwellenanteile in den Tiefschlaf hineinreichen. Das Gehirn befindet sich damit teilweise in einem Zustand zwischen Wachheit und Schlaf – der Körper „ruht“, ohne sich vollständig zu erholen. Ergänzend deuten Beobachtungen auf eine gestörte Tagesrhythmik (zirkadiane Rhythmik) hin: Ein im Fachjournal eClinicalMedicine veröffentlichter Übersichtsbeitrag beschreibt bei postinfektiösen Erschöpfungszuständen, einschließlich Long COVID, Hinweise auf eine Störung der inneren Uhr, die Schlafzeitpunkt, Hormonausschüttung und Energieverfügbarkeit beeinflussen kann.

Bei POTS kommt ein weiterer Mechanismus hinzu: Im Liegen sammelt sich Blut vermehrt im unteren Körper, was nächtliche Herzfrequenzschwankungen und ein Gefühl von Unruhe oder Herzklopfen beim Einschlafen oder nächtlichen Aufwachen begünstigen kann. Die Patientenorganisation Dysautonomia International weist darauf hin, dass Schlafprobleme bei dysautonomen Erkrankungen sehr verbreitet sind und eng mit der autonomen Regulation zusammenhängen – nicht nur mit äußeren Störfaktoren.

Schlaffördernde Alltagsgewohnheiten, die sinnvoll sein können

Die britische Leitlinienbehörde NICE (NG206) und die US-Gesundheitsbehörde CDC benennen in ihren Empfehlungen zu ME/CFS ähnliche Grundprinzipien für den Umgang mit Schlafproblemen. Diese lassen sich auch auf Long COVID und POTS übertragen, sofern sie an die individuelle Belastbarkeit angepasst werden:

Grenzen der Selbsthilfe erkennen

Schlafhygiene kann das Wohlbefinden unterstützen, sie behebt jedoch nicht die zugrunde liegende autonome Dysregulation. NICE betont ausdrücklich, dass bei ME/CFS keine Behandlung als allgemein wirksam für alle Betroffenen gelten kann und individuelle Unterschiede in der Belastbarkeit berücksichtigt werden müssen. Wer anhaltend stark gestörten Schlaf, nächtliche Herzrasen-Episoden oder Atemaussetzer bemerkt, sollte dies ärztlich abklären lassen, da hier auch andere Ursachen wie Schlafapnoe eine Rolle spielen können.

Fazit

Nicht-erholsamer Schlaf bei Long COVID, ME/CFS und POTS ist kein Zeichen mangelnder Disziplin, sondern spiegelt nach aktuellem Forschungsstand eine reale autonome und schlafarchitektonische Besonderheit wider. Feste Routinen, ein reizarmes Schlafumfeld und ein achtsamer Umgang mit der eigenen Energie über den Tag hinweg können die Voraussetzungen für Erholung verbessern – auch wenn sie die zugrunde liegende Regulationsstörung nicht auflösen. Wer die eigenen Muster aus Aktivität, Erschöpfung und Schlafqualität systematisch verfolgt, kann leichter erkennen, welche Gewohnheiten im individuellen Alltag tatsächlich einen Unterschied machen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

Quellen

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