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MCAS / Mastzellaktivierungssyndrom

MCAS erklärt: Symptome, Diagnosekriterien und der Zusammenhang mit POTS, Long COVID und ME/CFS.

Illustration: Nahrungsergänzungsmittel und Tabletten ruhig auf einem Holztisch angeordnet, sanftes Licht
mypacing ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Dieser Text informiert und macht keine Heilversprechen.

13. MCAS — Mastzellaktivierungssyndrom

Mastzellen sind Immunzellen, die normalerweise vor Krankheitserregern und Parasiten schützen, indem sie bei Bedarf Botenstoffe wie Histamin, Tryptase, Prostaglandine und Leukotriene ausschütten. Beim Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) reagieren diese Zellen wiederholt und ohne erkennbaren äußeren Auslöser überschießend – mit einer Bandbreite an Symptomen, die praktisch jedes Organsystem betreffen kann. MCAS ist damit klar von der viel selteneren Mastozytose abzugrenzen, bei der sich Mastzellen zusätzlich krankhaft im Gewebe vermehren – MCAS erfordert das nicht.

Symptome

Typisch sind wiederkehrende Beschwerden aus mindestens zwei Organsystemen, häufig episodisch und unvorhersehbar: Haut (Flush/Hautrötung, Nesselsucht, Juckreiz, Angioödem), Magen-Darm (Übelkeit, Krämpfe, Durchfall, Reflux), Herz-Kreislauf (Herzrasen, Blutdruckabfall, Präsynkope), Atemwege (verstopfte Nase, Kurzatmigkeit, Engegefühl) sowie neurologisch/kognitiv (Kopfschmerz, Brain Fog, Erschöpfung). Weil dieselben Beschwerden auch bei POTS, ME/CFS und Long COVID auftreten, ist MCAS im Alltag oft schwer von diesen abzugrenzen – Betroffene beschreiben es manchmal so, dass praktisch jedes bekannte Symptom „auch MCAS sein könnte".

Diagnosekriterien

Die klassischen, 2012 erstmals formulierten Konsenskriterien (oft als „Consensus-1" bezeichnet) verlangen drei Dinge gemeinsam: (1) wiederkehrende, typische Symptome aus mindestens zwei Organsystemen, (2) ein Ansprechen auf mastzellgerichtete Therapie (z. B. Antihistaminika), und (3) einen laborchemisch dokumentierten Anstieg eines Mastzellmediators – meist der Serum-Tryptase – während oder kurz nach einer Episode gegenüber dem individuellen Ausgangswert, üblicherweise anhand der Formel Ausgangswert × 1,2 + 2 ng/mL. Weil dieser Tryptase-Anstieg in der Praxis oft schwer nachzuweisen ist (er muss innerhalb weniger Stunden nach einem Flare gemessen werden, was selten gelingt), haben Fachgesellschaften 2024/2025 sogenannte „Consensus-2"-Kriterien vorgeschlagen, die einen breiteren, stärker klinisch orientierten Ansatz verfolgen und die Grenzen der verfügbaren Labortests stärker berücksichtigen. Die Kriterien sind also selbst noch Gegenstand fachlicher Diskussion – eine gesicherte MCAS-Diagnose gehört in erfahrene fachärztliche Hände (Allergologie/Immunologie).

Diagnostik & Testung

Neben der Serum-Tryptase (idealerweise ein Ausgangswert in beschwerdefreier Zeit UND ein Wert kurz nach einem Flare) werden teils weitere Mediatoren herangezogen, etwa Prostaglandin D2, 9α,11β-PGF2 oder Leukotrien E4 im 24-Stunden-Sammelurin, gemessen möglichst während eines akuten Schubs. Diese Zusatztests sind weniger standardisiert und in vielen Praxen nicht ohne Weiteres verfügbar. Wichtig für den Alltag: Ein unauffälliges Ergebnis schließt MCAS nicht sicher aus, ein einzelner erhöhter Wert allein beweist es aber auch nicht – die Gesamtschau aus Symptomverlauf, Ansprechen auf Therapie und Labor zählt.

Verbindung zu POTS, Long COVID und ME/CFS

MCAS, POTS und Hypermobilität (EDS/HSD) treten – wie im POTS-Kapitel beschrieben – auffällig oft gemeinsam auf; eine Auswertung von 100 jungen POTS-Betroffenen fand je nach Kriterien 2–87 % mit MCAS (Frontiers in Neurology, 2025) – die riesige Spannbreite zeigt erneut, wie stark solche Zahlen von der verwendeten Falldefinition abhängen. Bei Long COVID berichtete eine Untersuchung an einem großen US-Zentrum, dass 16,2 % der Betroffenen eine diagnostizierte oder vermutete Mastzellproblematik angaben und weitere 36,3 % unsicher waren, gegenüber nur 2,4 % bzw. 5 % in der Kontrollgruppe (Overlapping conditions in Long COVID, PMC, 2024). Auch bei ME/CFS und Fibromyalgie wird MCAS von erfahrenen Kliniker:innen als „sehr, sehr häufige" Begleiterscheinung beschrieben, insbesondere nach viralen Infekten (Health Rising, 2023). Ein diskutierter Mechanismus: Mastzell-Botenstoffe können periphere Nervenfasern reizen, die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen und zu zentraler Schmerzsensibilisierung beitragen – eine plausible, aber noch nicht abschließend bewiesene Erklärung für die häufige Ko-Existenz dieser Diagnosen.

Basismaßnahmen (nicht-medikamentös)

Ein zentraler erster Schritt ist, individuelle Trigger zu erkennen – häufig genannt werden Hitze/Kälte, starke Gerüche, bestimmte Nahrungsmittel, Alkohol, Stress und körperliche Anstrengung (die bei PEM ohnehin schon eine Rolle spielt). Ein Symptomtagebuch hilft, diese Muster sichtbar zu machen – genau der Ansatz, den mypacing über die Symptom- und Crash-Verlaufserfassung unterstützt. Eine histaminarme Ernährung wird von manchen Betroffenen als hilfreich beschrieben, ist aber wissenschaftlich umstritten, individuell sehr unterschiedlich wirksam und sollte nicht ohne fachliche Begleitung dauerhaft und stark einschränkend umgesetzt werden (Risiko einer unnötig eingeschränkten Ernährung).

Medikamente – Hinweis

Medikamentös kommen stufenweise vor allem H1- und H2-Antihistaminika (oft kombiniert und teils höher dosiert als bei Heuschnupfen), Mastzellstabilisatoren (z. B. Cromoglicinsäure, Ketotifen) und Leukotrien-Hemmer (z. B. Montelukast) zum Einsatz; als Nahrungsergänzung werden häufig Quercetin und andere Flavonoide genannt. Wichtig: Die meisten dieser Substanzen sind für MCAS nicht offiziell zugelassen und werden off-label eingesetzt; die Evidenz beruht überwiegend auf klinischer Erfahrung und kleineren Studien. Welche Kombination hilft, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich – Kliniker:innen beschreiben das Vorgehen oft als „die erfolgreiche Behandlung ist zugleich die Diagnose": schrittweises, ärztlich begleitetes Ausprobieren, wobei nur das beibehalten wird, was nachweislich hilft. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung und gibt bewusst keine Dosierungsempfehlungen.

Einordnung der Unsicherheiten: Die genannten Häufigkeiten schwanken je nach Studie, Kohorte und verwendeter Falldefinition erheblich (2–87 % bei POTS-Kohorten ist ein Extrembeispiel dafür) und sind nicht auf alle Betroffenen übertragbar. Die Diagnosekriterien selbst sind fachlich noch in Bewegung. Diagnose und Therapie gehören stets in erfahrene ärztliche/fachärztliche Hand.

POTS / Dysautonomie / Orthostatische Intoleranz Symptome & Trigger im Verlauf dokumentieren Quellenverzeichnis in der Wissensbasis