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Diagnostik, Biomarker & Abgrenzung

Wie Long COVID, ME/CFS und POTS diagnostiziert werden: Kriterien, Labor, Abgrenzung zu anderen Erkrankungen — und warum es (noch) keinen Bluttest gibt.

mypacing ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Dieser Text informiert und macht keine Heilversprechen.

11. Diagnostik, Biomarker & Abgrenzung

ME/CFS, Long COVID und POTS werden bis heute klinisch anhand definierter Symptomkriterien diagnostiziert. Einen routinemäßig verfügbaren, validierten diagnostischen Bluttest oder anderen Biomarker gibt es nicht [1][11]. Die Diagnose ist damit eine Kombination aus Positivdiagnose (typisches Symptommuster) und Ausschlussdiagnose (andere behandelbare Ursachen wurden abgeklärt). Labor und apparative Untersuchungen dienen vor allem dem Ausschluss – nicht dem Nachweis – der Erkrankung.

Diagnosekriterien für ME/CFS

Die weit verbreiteten IOM/NAM-Kriterien (2015) verlangen obligat: (1) eine substanzielle, neu aufgetretene Aktivitätsminderung mit Fatigue über mehr als 6 Monate, die durch Ruhe nicht wesentlich gebessert wird, (2) Post-Exertionelle Malaise (PEM) und (3) nicht erholsamen Schlaf; zusätzlich muss mindestens eine kognitive Beeinträchtigung oder eine orthostatische Intoleranz vorliegen. Die Symptome müssen mindestens die Hälfte der Zeit in mittlerer bis schwerer Ausprägung bestehen [2]. Alternativ werden die Kanadischen Konsenskriterien oder die britische Leitlinie NICE NG206 genutzt; NICE erlaubt einen klinischen Verdacht bereits ab 6 Wochen (Kinder 4 Wochen) und bestätigt die Diagnose nach etwa 3 Monaten persistierender Symptome, während IOM und die deutschen Leitlinien eher 6 Monate zugrunde legen [1][2].

PEM ist das zentrale Abgrenzungsmerkmal. Gemeint ist eine Verschlechterung nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung. Sie kann unmittelbar einsetzen, tritt aber charakteristischerweise verzögert auf – oft erst nach Stunden bis ein bis zwei Tagen (etwa 12–48 Stunden) – und kann Tage bis Wochen anhalten. PEM muss aktiv erfragt werden, etwa mit standardisierten Fragebögen wie dem DePaul Symptom Questionnaire [2][14]. Sie unterscheidet ME/CFS von einfacher Dekonditionierung und von Depression.

Ausschlussdiagnostik: empfohlenes Basislabor

Die deutsche DEGAM-S3-Leitlinie „Müdigkeit” (AWMF 053-002) empfiehlt bei fehlenden Organhinweisen ein schlankes Basislabor: Blutglukose, Differentialblutbild, BSG/CRP, Transaminasen/gamma-GT und TSH; weiterführende Tests nur bei Auffälligkeiten [3]. NICE NG206 empfiehlt ein etwas breiteres Ausschlusslabor: Urinstatus, großes Blutbild, Harnstoff/Elektrolyte, Leberwerte, TSH, BSG oder Plasmaviskosität, CRP, Calcium/Phosphat, HbA1c, Serum-Ferritin, Zöliakie-Screening und Kreatinkinase; fakultativ Vitamin D, B12, Folsäure, Serologien und ein 9-Uhr-Cortisol [1]. Umfang und Auswahl der Tests bleiben eine ärztliche Einzelfallentscheidung.

Wichtige Differentialdiagnosen, die auszuschließen sind: Hypothyreose, Anämie/Eisenmangel (Ferritin), Diabetes, Zöliakie, Nebenniereninsuffizienz (Morbus Addison), obstruktive Schlafapnoe, Multiple Sklerose und andere neurologische Erkrankungen, entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Malignome sowie Medikamentennebenwirkungen [4][5]. Red Flags, die eine erweiterte Abklärung statt einer ME/CFS-Diagnose erfordern, sind u. a. Gewichtsverlust, Fieber/Nachtschweiß, Lymphadenopathie, fokal-neurologische Zeichen, deutlich pathologische Laborwerte und kardiale Symptome [1][3]. Wichtig: Eine ME/CFS-Diagnose schließt zusätzliche oder später auftretende andere Erkrankungen nicht aus – neue oder untypische Symptome sollten stets erneut ärztlich abgeklärt werden.

Orthostatische Intoleranz und POTS

Orthostatische Beschwerden lassen sich objektivieren. POTS liegt vor bei einem anhaltenden Herzfrequenzanstieg von ≥30 bpm (Erwachsene) bzw. ≥40 bpm (Jugendliche 12–19 J.) innerhalb von 10 Minuten Stehen oder Kipptisch, ohne orthostatische Hypotonie (kein anhaltender systolischer Abfall ≥20 mmHg bzw. diastolisch ≥10 mmHg), bei Symptomen seit ≥6 Monaten [6][7]. Ohne Kipptisch eignen sich der aktive Stehtest (Schellong) oder der 10-Minuten-NASA-Lean-Test mit seriellen Puls- und Blutdruckmessungen [8][9]. Ein niedriges Verhältnis von Pulsdruck zu systolischem Blutdruck (PP/SBP, teils mit einem Grenzwert um 25 % angegeben) wird in spezialisierten Zentren als möglicher Hinweis auf eine ausgeprägte Kreislaufdysregulation diskutiert; dieser Wert ist jedoch nicht allgemein validiert und sollte nur ergänzend interpretiert werden [8][9].

Sicherheitshinweis: Aktive Steh- und Lean-Tests können Präsynkope, Synkope, Stürze oder eine PEM auslösen. Sie sollten nur unter Aufsicht mit gesicherter Sitz-/Liegemöglichkeit durchgeführt und bei Schwindel, drohender Ohnmacht oder starker Symptomverstärkung sofort abgebrochen werden. Bei schwer betroffenen (z. B. bettlägerigen) Personen ist besondere Zurückhaltung geboten.

Belastungstests und die Grenzen der Objektivierung

Der kardiopulmonale Belastungstest (CPET) als 2-Tages-Protokoll wird als Forschungsansatz genutzt, um PEM sichtbar zu machen: In spezialisierten Studien zeigten Betroffene am zweiten Tag eine reduzierte Sauerstoffaufnahme und Leistung an der anaeroben Schwelle, während Gesunde ihre Werte reproduzieren. Diese Befunde sind allerdings nicht in allen Untersuchungen konsistent reproduziert worden und noch kein diagnostischer Standard [10]. Wegen des erheblichen Risikos, dabei eine schwere und potenziell lang anhaltende PEM auszulösen, ist CPET kein Routineinstrument, sondern bleibt spezialisierten Forschungs- oder Gutachtenkontexten mit sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung vorbehalten [10]. Neuere blutbasierte Ansätze (z. B. EpiSwitch-3D-Genomik, metabolische und immunologische Signaturen) sind Gegenstand der Forschung und teils vielversprechend, aber noch nicht klinisch validiert und für die Regelversorgung nicht empfohlen [11][12].

Abgrenzung zur Depression und Long COVID

Die pauschale Fehleinordnung als „rein psychisch” ist problematisch: Sie kann die Diagnose verzögern und dazu führen, dass rein aktivierende Therapien im Vordergrund stehen, die bei vorliegender PEM eine Verschlechterung auslösen können; zudem kann sie die Anerkennung von Erwerbsminderung und Pflegebedarf erschweren [13]. Dies bedeutet nicht, dass psychische Begleiterkrankungen ausgeschlossen sind – sie können zusätzlich bestehen und sollten eigenständig behandelt werden. Zur Abgrenzung: Bei einer Depression fehlt typischerweise die belastungsgetriggerte, verzögerte PEM, und Antriebslosigkeit/Anhedonie stehen im Vordergrund; klinisch wird beschrieben, dass ME/CFS-Betroffene aktiv sein wollen, es aber körperlich nicht können [2][14]. Ein einfaches Zwei-Fragen-Screening zu Stimmung und Interesse/Freude (z. B. PHQ-2) hilft, eine behandelbare Depression nicht zu übersehen [3]. Long COVID und ME/CFS überlappen stark; ein relevanter Anteil der Long-COVID-Betroffenen erfüllt die ME/CFS-Kriterien. Auch für Long COVID existiert derzeit kein validierter Biomarker, die Diagnostik bleibt klinisch und ausschlussorientiert [15].

Hinweis: Dieser Abschnitt dient der Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Beratung. Diagnostische Verzögerungen von mehreren Jahren sind gut dokumentiert – eine strukturierte, PEM-orientierte Abklärung kann dies verkürzen. Zu Medikamenten oder Supplementen werden hier bewusst keine Dosierungen oder Heilversprechen gegeben; alle Diagnose- und Therapieentscheidungen gehören in ärztliche Hand.

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