Herzfrequenz und HRV beim Pacing: Was Wearables über die Belastungsgrenze verraten

Heart Rate and HRV in Pacing: What Wearables Reveal About Your Exertion Limit

Wie Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität beim Pacing helfen, die Belastungsgrenze zu erkennen und PEM vorzubeugen – ein evidenzbasierter Überblick.

Für viele Menschen mit Long COVID, ME/CFS oder POTS gehört das Pacing zu den wichtigsten Werkzeugen im Alltag: die Kunst, Aktivität so zu dosieren, dass die individuelle Belastungsgrenze nicht überschritten wird und ein Crash – die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM) – möglichst vermieden wird. Doch genau diese Grenze ist tückisch. Sie ist unsichtbar, verschiebt sich von Tag zu Tag und macht sich oft erst Stunden nach der Überlastung bemerkbar. Genau hier setzen Herzfrequenz- und HRV-Messungen an: Sie können ein Signal liefern, bevor der Körper es selbst spürbar meldet.

Warum die Herzfrequenz beim Pacing eine Rolle spielt

Bei ME/CFS und Long COVID gibt es Hinweise auf Störungen im Energiestoffwechsel und im autonomen Nervensystem. Ein praktischer Ansatz des Pacings besteht darin, die Herzfrequenz als Stellvertreter für die Belastung zu nutzen: Wer unterhalb einer bestimmten Schwelle bleibt, überschreitet den Punkt, an dem der Körper vermehrt auf anaerobe Energiegewinnung umschaltet, seltener. Verbreitet ist die Faustregel, unterhalb von etwa 55 % der altersvorhergesagten maximalen Herzfrequenz zu bleiben. Diese Formeln sind allerdings mit Vorsicht zu genießen.

Was Wearables über die Belastungsgrenze verraten

Eine 2025 veröffentlichte Studie mit 127 Long-COVID-Betroffenen und 21 gesunden Vergleichspersonen kombinierte mehrtägiges Tragen von Wearables mit einer Belastungsuntersuchung (Spiroergometrie). Dabei zeigte sich: Die Herzfrequenzvariabilität war bei Betroffenen sowohl im Alltag als auch im Schlaf niedriger als bei den Kontrollpersonen. Besonders aufschlussreich war die Erholung nach Belastung – die HRV blieb bei den Betroffenen bis zu 24 Stunden nach dem Sport reduziert, bei den Gesunden nicht.

Die Forschenden interpretieren die erste ventilatorische Schwelle (VT1) – ein Marker aus der Belastungsuntersuchung – als praktisch nutzbare PEM-Schwelle. Belastungen nahe oder oberhalb dieser Schwelle gingen mit der verzögerten Erholung des vegetativen Gleichgewichts einher. Für die Praxis bedeutet das: Wearables können helfen, Überlastungsmuster sichtbar zu machen und in die individuelle Pacing-Beratung einzubinden.

HRV als Fenster ins autonome Nervensystem

Die Herzfrequenzvariabilität beschreibt die feinen Schwankungen der Abstände zwischen zwei Herzschlägen. Sie gilt als indirektes Maß dafür, wie gut sich Sympathikus und Parasympathikus – die beiden Zweige des autonomen Nervensystems – die Waage halten. Eine anhaltend niedrige HRV oder ein Absinken unter den persönlichen Normalwert kann ein Hinweis auf Belastung oder eine beginnende Verschlechterung sein.

Erste Studien untersuchen auch, ob gezieltes Training über HRV-Biofeedback unterstützend wirken kann. Eine kontrollierte Phase-II-Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2025 deutet darauf hin, dass ein solches Vorgehen als ergänzende Maßnahme praktikabel ist; belastbare Aussagen zur Wirksamkeit stehen jedoch noch aus. HRV-Werte sind also eher ein Trend-Signal als eine exakte Messgröße.

Grenzen und Fallstricke

So hilfreich Zahlen sein können – sie ersetzen nicht das Hören auf den eigenen Körper. Mehrere Einschränkungen sind wichtig:

Praktische Hinweise für den Alltag

Trotz dieser Vorbehalte berichten viele Betroffene von einem Nutzen. In einer Machbarkeitsstudie mit 47 Teilnehmenden nutzten nach acht Wochen noch 89 % und nach sechs Monaten 66 % ihr Herzfrequenz-Monitoring weiter; viele gaben an, dadurch PEM besser zu verstehen und Crashs zu reduzieren. Sinnvoll sind aus der Datenlage folgende Grundsätze:

  1. Den eigenen Ruhepuls über mehrere Wochen beobachten und lernen, wie er sich vor und nach anstrengenden Tagen verhält.
  2. Weniger auf absolute Formelwerte als auf persönliche Trends und Abweichungen achten.
  3. Herzfrequenz-Daten als Ergänzung zum Symptomtagebuch verstehen, nicht als Ersatz für das Körpergefühl.
Ein Wearable misst die Reaktion des Körpers – die Entscheidung über die richtige Belastung trifft immer der Mensch selbst.

Fazit

Herzfrequenz und HRV können beim Pacing ein wertvoller Kompass sein: Sie machen sichtbar, was der Körper sonst erst verzögert meldet, und liefern einen objektiven Anhaltspunkt neben dem subjektiven Empfinden. Zugleich sind sie kein Präzisionsinstrument – starre Formeln, POTS und Messungenauigkeiten setzen Grenzen. Wer die Daten als Trend versteht, sie mit dem eigenen Körpergefühl abgleicht und geduldig die persönlichen Muster kennenlernt, gewinnt ein hilfreiches Werkzeug hinzu.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen, evidenzbasierten Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.

Quellen

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